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Das wirtschaftliche Tagesgeschehen ist durch Entlassungswellen, Standortschließungen und Insolvenzen geprägt. Mittlerweile hat sich die Krise auf alle Branchen ausgeweitet. Einzig Nahrungsmittelindustrie und Pharmazie halten ihre Position.
„Vom weltweiten Produktionsrückgang ist vor allem die US-Industrie betroffen. Ich gehe davon aus, dass sie bis Ende des Jahres einen historischen Einbruch auf das Niveau von 1998 erleidet“, sagt Bettina Selden, Vorstand bei PRISMA Kreditversicherung. Paradebeispiel für den Produktionseinbruch ist die Automobilindustrie, die beinahe auf jedem Kontinent mit sinkendem Absatz zu kämpfen hat. „Nach dem Zusammenbruch der Immobilienmärkte brachen Stahl- und Chemieunternehmen nach und nach ein. Dieser Rückgang der Produktion und der Exporte wiederum trieb die Straßenfrächter und Luftfahrt in die Krise“, analysiert Selden.
Für das Jahr 2009 stehen die Zeichen auf Sturm. Nach einem turbulenten 4. Quartal 2008 folgte ein noch stärkerer Wachstumseinbruch im ersten Halbjahr 2009. Auto-, Stahl- und Chemieindustrie verzeichnen Produktionskürzungen von 40% bis 50% im Jahresvergleich. „Es könnte gut sein, dass damit die Talsohle erreicht worden ist“, hofft Bettina Selden.
Sorgenkind Automobilindustrie
In den gesättigten Märkten – USA, Westeuropa und Japan – war seit mehreren Jahren ein mehr oder weniger stagnierender oder sogar leicht sinkender Absatz zu beobachten. Dieser Rückgang wurde allerdings durch die Nachfrage neuer Märkte absorbiert. So konnte der Autoabsatz bis 2007 um durchschnittlich zumindest 5% pro Jahr auf knapp 71 Millionen Einheiten gesteigert werden. Der weltweite Absatzeinbruch folgte dann im 4. Quartal 2008. „Die Autoindustrie ist das große Opfer der Weltwirtschafts- und Finanzkrise. Der Niedergang von GM und Chrysler hat die Situation nur noch verschärft“, sagt Bettina Selden. Somit stehen auch die Zulieferbetriebe, die vom Produktionsvolumen ihrer Kunden abhängig sind, vor dem Abgrund. Besonders der massive Lagerabbau bei den Autoherstellern, hat die Zulieferer getroffen. „Diese Unterauslastung lässt sich auf längere Zeiträume nicht durchhalten. Es bleibt zu hoffen, dass direkte Finanzhilfen und Initiativen wie etwa die Verschrottungsprämie rechtzeitig helfen“, so Selden.
Anhaltende Probleme in der Bauwirtschaft
In den EU-15 ist eine stark rückläufige Entwicklung eingetreten. Mit Jahresende 2008 fiel das Wachstum auf weniger als 10%, während die Zahl der Insolvenzen Höchstwerte erreichte. Das war insbesondere in Spanien der Fall. „Dort wird sich die Situation allerdings noch verschlimmern, denn derzeit sind nur mehr 100.000 Wohnbauprojekte pro Jahr zu erwarten. Noch vor wenigen Jahren hat man mit 800.000 gerechnet. Dazu kommt, dass sich die Bestände an unverkauften Wohnungen nicht verringern“, weiß Bettina Selden. „Demgegenüber steht eine bessere Aussicht im Tiefbau. Die Regierungen greifen diesem Sektor mit Infrastrukturmaßnahmen unter die Arme, das könnte einen Aufwärtstrend herbeiführen“, kommentiert Frau Selden. Die Konjunkturspritzen werden alleine in China innerhalb der nächsten zwei Jahre $ 450 Mrd. betragen – der Betrag entspricht 40% des Gesamtumsatzes der chinesischen Bauwirtschaft im selben Zeitraum. In den USA wurden für 2009 120 Mrd. Dollar budgetiert. In Deutschland werden die Infrastrukturmaßnahmen um 18 Mrd. Euro erhöht, 10,5 Mrd. Euro sind in Frankreich und 11 Mrd. Euro in Spanien vorgesehen.
Abrupter Stillstand in der Stahlindustrie
Nach Jahren des Booms geriet die Weltstahlproduktion 2008 in eine Stagnation und fiel letztlich um 1,2% auf 1,33 Mrd. Tonnen. China blieb mit 502 Mio. Tonnen die Nr. 1 der Welt, wobei sich das Wachstum deutlich abflachte. Eine Folge der geringen Nachfrage von Autoindustrie und Bauwirtschaft, den beiden größten Kunden. Im 4. Quartal begann sich die Spirale schneller zu drehen und Rückgänge von 12%, 19% bzw. 24% mussten von Oktober bis Dezember 2008 verkraftet werden. „Besonders stark war der Rückgang in Europa und den USA. In Deutschland fiel die Produktion um 33,5%, in Frankreich um 41%, gefolgt vom Spitzenreiter USA mit 53,5%“, so Selden. Nur China, Nummer eins unter den Stahlherstellern, wird sich dem Abschwung entziehen können. „Die Stahlproduktion in China wird dieses Jahr um höchstens 8% fallen – das ist vergleichsweise ein guter Wert. Lageraufstockungen und die ersten Auswirkungen von Konjunkturprogrammen könnten die Nachfrage ab dem 2. Halbjahr 2009 wieder beleben. Somit könnte China, das derzeit 48% des weltweiten Stahloutputs produziert, zum Zugpferd der ganzen Branche werden“, gibt sich Selden optimistisch.
Die Chemieindustrie auf dem Weg zum Tiefpunkt
Zwischen 2004 und 2007 erlebte die Chemieindustrie einen beträchtlichen Aufschwung, der eng mit dem Wachstum des Welthandels korrelierte. 2008 dürfte die gesamte Branche einen Umsatz von 2.500 Mrd. US-Dollar erwirtschaftet haben. Als die Preise für Öl, dem wichtigsten strategischen Rohstoff, im ersten Halbjahr 2008 explodierten, mussten diese Kosten von den Unternehmen absorbiert werden. Das gestörte Weltwirtschaftsklima ist für die Chemieunternehmen schwer zu verkraften. Zuerst mussten sie aufgrund des Ölpreisverfalles Vorräte abwerten, da sich die Branche in der Regel im Voraus auf den Terminmärkten versorgt. Dann kam noch der Rückgang der Nachfrage in Folge der Rezession dazu. „Jeder Zweig der Chemieindustrie ist betroffen, nur die Segmente Agrochemikalien und Düngemittel haben sich dank der Stabilität des Agrarsektors etwas besser gehalten“, weiß Selden. 2009 befindet sich die Branche wohl auf dem Weg zum Tiefpunkt.
Ende des Wachstums in der Elektronikindustrie
Nachdem die Digitaltechnik in der Branche Einzug gehalten hat, sind die Verkaufspreise spürbar gefallen. Seither kämpfen die Marktführer mit preisgünstigen koreanischen Herstellern (z.B. Samsung und LG) und innovativen US-Unternehmen (wie Apple). Obwohl der kontinuierliche Rückgang der Verkaufspreise von den Unternehmen verkraftet werden konnte, ging die Wachstumsphase in der zweiten Jahreshälfte 2008 zu Ende. Der Hauptgrund liegt in einer wesentlichen Dämpfung des privaten Konsums. „Die Party in der Unterhaltungselektronik ist vorbei“, bringt es Kreditversicherer PRISMA auf den Punkt. „Wenn die Nachfrage nicht durch neue Innovationen stimuliert wird, muss die Branche mit einem Absatzrückgang in allen Produktkategorien rechnen“. Japanische Hersteller, die unangefochtenen Champions der Branche, kündigten bereits Kosteneinsparungen durch Umstrukturierungen an. „Ein neuerliches und solides Wachstum können wir nicht vor 2011 erwarten“, so Selden.
Unterschiedliche Margen in der Lebensmittelbranche
Auch hier hat sich die Krise auf den Absatz ausgewirkt. Dennoch erzielten viele Produzenten nach wie vor hohe operative Gewinne, insbesondere Hersteller von alkoholischen Getränken. Demgegenüber stehen viele wenig rentable Produkte, die sich nur schwer als Marken positionieren lassen, wie z.B. Fleisch. „Die Preise landwirtschaftlicher Rohstoffe werden eher steigen, da die Lagerbestände trotz einer gewissen Erholung im Schnitt nur halb so hoch sind wie in den 1990-er Jahren. Dabei wird die weltweite Nachfrage zunehmen, vor allem aus China und Indien. Gleichzeitig schrumpfen die Mais- und Weizenanbauflächen in den USA“, sagt Bettina Selden. „Zukünftig könnte es schwierig werden hohe Margen zu erzielen. Die Aussichten für einfache, leistbare Produkte sind besser als je zuvor“.
Die Pharmaindustrie rüstet sich für die Zukunft
Die Nachfrage für Pharmaprodukte wird von einer stark zunehmenden Lebenserwartung der Weltbevölkerung, vom Auftauchen neuer Krankheiten und neuer Therapien für unheilbare Erkrankungen gestützt. „Trotz der guten Nachfrage rüstet sich die Branche für die Zukunft und versucht gerade ihre traditionellen Wachstumsmodelle an das neue wirtschaftliche Umfeld anzupassen“, weiß Selden. Infolge des Ablaufens wichtiger Patente setzt die Branche auf aggressive Strategien. Diese sind durch Allianzen zwischen Pharmakonzernen, durch das Zerlegen von riesigen F&E Abteilungen in spezialisierte Einheiten oder die Akquisition junger Biotech-Firmen zu beobachten. „Unsere Experten sagen, dass die Pharmabranche bei einem erwarteten Wachstum zwischen 5%-6% im Jahr 2009 vorerst aufatmen kann“, so Selden.
Einzel- und Großhandel – Branche mit wenig Spielraum
Auch hier ist der private Konsum gesunken, wobei vor allem die Ausgaben für Nicht-Lebensmittel, insbesondere langlebige Haushaltwaren und Kleidung zurückgingen, während die Ausgaben für Lebensmittel weniger betroffen waren. Der Einzel- und Großhandel hofft weiterhin auf Wachstumschancen und setzt ihre Expansion in den Schwellenländern fort. „Für die großen Akteure ist die internationale Expansion essenziell um weiter wachsen zu können, schließlich sehen sie sich in ihren Heimatmärkten mit einem starken Margendruck konfrontiert“, erläutert Selden. „Alle größeren Handelsunternehmen spüren die Auswirkungen und versuchen, sich an die neuen Realitäten anzupassen. Der Handlungsspielraum ist allerdings gering. Die großen Konzerne werden bei ihren Investitionsentscheidungen selektiver sein und gleichzeitig ihre Position in Ländern mit gutem Wachstumspotenzial stärken“.
IT-Dienstleistungen – potenzielle Wachstumsbranche
Der Weltmarkt für Software und IT-Dienstleistungen repräsentiert rund 70% der weltweiten IT-Ausgaben. Aufgrund der Krise haben viele Unternehmen aber genau diese Ausgaben gekürzt. Vorerst war der Rückgang hauptsächlich im Finanzsektor, einer der wichtigsten Absatzmärkte, spürbar. Mittlerweile hat sich der Rückgang weiter ausgebreitet. „Der Abschwung im Markt kam jedoch eher schrittweise, im Gegensatz zur Geschwindigkeit und Heftigkeit des Einbruchs in anderen Branchen“, sagt Bettina Selden. Trotz stetigen Preis- und Margendrucks macht die Wichtigkeit von IT- und Kommunikationstechnologien in der Wirtschaft die Branche zu einer der wenigen potenziellen Wachstumsbranchen. „Unsere Experten rechnen für 2009 mit einem weltweiten Branchenumsatz von 702 Mrd. Euro, ein Zuwachs von 0,9% - das ist zwar nur ein kleines Wachstum, aber immerhin kein Rückgang. Wir glauben, dass gerade diese Branche schneller einen Ausgang aus der Krise finden wird“, freut sich Selden.
Wir haben das Weltwirtschaftsklima in einer Grafik zusammengefasst. Die gesamte Darstellung finden Sie unter
http://www.prisma-kredit.com/de/osn/Seiten/downloads.aspx zum Download.
Wien, am 16.06.2009
Die Branchenprognosen von Euler Hermes basieren auf der Fachkompetenz der Kreditexperten und Analysten von Euler Hermes, die mit Hilfe lokaler Tochterunternehmen das Risiko von Unternehmen weltweit genau überwachen. Daraus ergibt sich eine qualitative Einschätzung der Gesundheit einer Branche und ihrer Aussichten. Im Allgemeinen, wenn auch nicht in jedem Fall, inkludiert die Einschätzung eine Wachstumsprognose für die jeweilige Branche. Dabei steht aber eher die Gesundheit von Unternehmen (im Hinblick auf Rentabilität und Liquidität) als das Umsatzwachstum im Vordergrund.
PRISMA Kreditversicherungs-AG wurde 1989 gegründet. 2008 erzielte PRISMA
56 Mio. Euro Umsatz. PRISMA ist zu 100 % Tochter der OeKB EH Beteiligungs- und Management AG. Die Oesterreichische Kontrollbank AG hält 51 % der Managementholding, 49 % hält die Euler Hermes Kreditversicherung AG, Hamburg. Die Euler Hermes Gruppe ist Weltmarktführer in der Kreditversicherung und gehört zum Allianz-Konzern.
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