Die Weltwirtschaft expandierte 2010 um über 4%. Das war weitgehend den Entwicklungs-ländern zu verdanken. Während die Wirtschaft global gesehen um 7% wuchs, nahm sie in der OECD um 2,5% zu. Mittlerweile hat sich das Wachstum stark verlangsamt, wie die ersten Zahlen zur Industrieproduktion im 2. Quartal 2011 zeigen. Zusätzlich bringen Ratingagenturen die klassischen Industrieländer unter Druck. Die Antwort: Sparpakete! Die Konsequenz: einbrechende Inlandsnachfragen!
Alle traditionellen Branchen stehen unter einem enormen Druck. „Steigende Rohstoffpreise und in die Höhe kletternde Energiekosten machen allen zu schaffen. Allerdings gibt es starke Unterschiede wie die einzelnen Branchen mit diesem Druck umgehen“, so Mertes. Die Lebensmittelbranche kann die gestiegenen Kosten teilweise an die Konsumenten weitergeben, Zuwachsraten hat sie in Österreich aber nicht mehr. In der Pharmabranche stehen die Zeichen trotz des steigenden Preisdruckes auf Wachstum: Der alternden Bevölkerung sei Dank! Die Automobilzulieferer sind gestärkt aus der Krise hervor gegangen und profitieren derzeit von steigenden Neuzulassungen.
Sorgenkinder bleiben die Baubranche sowie der Luftverkehr. Zudem kämpfen in Österreich die Papier- und Zellstoffindustrie sowie die Druckereien und Verlage. Gestiegene Rohstoffkosten können nur teilweise an die Abnehmer weitergeben werden, gleichzeitig sind die Auflagen und Umfänge der Zeitschriften und Werbeaussendungen in der Wirtschaftskrise stark gesunken. Seitdem sind sie nicht wieder auf das alte Niveau gestiegen.
„Unsere Analysten sehen nur wenige Boom-Branchen wie z.B. die ‚grüne‘ Wirtschaft. Wir sollten uns einmal die Frage stellen, was wir mit ‚unseren‘ Schulden finanzieren“, fährt Mertes fort. „Die Entwicklungsländer setzen auf Infrastruktur, um ihre Wirtschaft anzukurbeln. Wäre es daher für uns entwickelte Industrieländer nicht endlich an der Zeit, mehr in neue Felder, z.B. in die ‚grüne‘ Wirtschaft zu investieren! Solche Impulse werden mit großer Wahrscheinlichkeit nachhaltig wirken.“ In der Umwelttechnik sehen viele Ökonomen ein nachhaltiges Wachstumspotenzial. Einige Bereiche der Wirtschaft wären dabei mit einbezogen, etwa Forschung und Entwicklung und folglich auch der Dienstleistungssektor, der Wohnbau (der Energieverbrauch des Gebäudebestands ist enorm), alle Branchen der Industrie und auch die Landwirtschaft. Darüber hinaus könnte damit der Aufstieg neuer Wirtschaftszweige verbunden sein, etwa im Bereich der Sonnen-, Wind- und Gezeitenenergie.
Einzelne Branchen im Überblick
Lebensmittel: Eine wachsende Branche

Die Lebensmittelindustrie verbuchte von 2009 auf 2010 ein Wachstum, allerdings so unterschiedlich wie die Gesamtwirtschaft: +6,5% in den USA, +3,3% in Italien, +3% in Frankreich und +1,2% in Deutschland. In Schwellenländern wie China (+16,1%) oder Brasilien (+13,4%) wuchs sie beachtlich mehr. Dieser Trend wird auch 2011 anhalten. Die Zahlen muss man aber auch im Zusammenhang mit Preissteigerungen sehen.
Alle Experten gehen davon aus, dass die Agrarpreise in diesem Jahrzehnt (2011-2020) noch deutlich ansteigen – etwa Getreide real um 20% und Fleisch um 30%. Kurzfristig werden die Nahrungsmittel- und Getränkehersteller diese Kosten wahrscheinlich nicht an ihre Kunden weitergeben können: Erstens ist der private Konsum sowieso schwach, zweitens haben viele Lebensmittelketten großes Interesse, ihre neuen Eigenmarken zu pushen, und drittens wird es in vielen Bereichen vor allem um Umsatzsteigerung gehen, die letztlich nur durch Sonderangebote erreicht werden kann.
Obwohl der Konsum in Österreich insgesamt etwas zurückgeht, trifft es die Lebensmittelbranche erst zuletzt, sie stagniert auf einem hohen Niveau. Gegessen und getrunken wird immer – auch in schwierigen Zeiten. Vor diesem Hintergrund erwartet PRISMA keinen Rückgang, aber auch keine großen Steigerungsraten.
Unterhaltungselektronik: Konvergenz über alles

Mit einem geschätzten Volumen von rund 340 Mrd. US-Dollar im Jahr 2010 umfasst der weltweite Markt für Unterhaltungselektronik eine breite Produktpalette, von HiFi-Geräten über Videoplayer, Computer, Fotoausrüstungen und Computerspiele bis hin zu Mobiltelefonen. Die Produktion erfolgt zu beinahe zwei Drittel in Asien. Im letzten Jahr erzielte der Sektor, der von der vergangenen Krise hart getroffen worden war, wieder ein Wachstum (+4% Volumen).
Trotzdem ist das Wachstum der Branche im 2. Halbjahr 2011 mit einigen Unsicherheiten behaftet. Die Tsunami-Katastrophe in Japan unterbrach einen Teil der Lieferkette der Branche. Japan hat zwar nur einen Anteil von 15% an der Weltelektronikproduktion, dominiert aber weiterhin bei bestimmten Basiskomponenten (z.B. bei Flash-Speichern). Sollte sich an dieser Situation nichts ändern, ist ein plötzlicher Anstieg der Materialkosten nicht auszuschließen.
Die zurückhaltende Konsumstimmung macht sich auch beim Österreichischen Elektrohandel bemerkbar. Nur der Internethandel kann weiterhin zulegen. Erst steigende Reallöhne werden der Branche wieder ein deutliches Wachstum bescheren.
Pharmazie: Auslaufende Patente

Der weltweite Pharmamarkt, der 2010 rund 850 Mrd. US-Dollar umsetzte, hat auch weiterhin gute Zukunftsperspektiven. Er profitiert von Phänomenen wie steigender Lebenserwartung und Behandlungen früher unheilbarer Krankheiten. Zudem gibt es steigenden Bedarf aus den Entwicklungsländern. Problemzonen der Branche sind Preiskämpfe mit Regierungen, die ihre Gesundheitssysteme nicht in den Griff bekommen und lahmende Innovationsfortschritte. Dazu kommt noch, dass die Regulierungsbehörden jedes Jahr die Kriterien für die Zulassung neuer Arzneimittel verschärfen. Das Hauptproblem liegt aber im Auslaufen zahlreicher Patente innerhalb der nächsten 2 Jahre und dem damit höheren Angebot an Generika, die man im Schnitt zum halben Preis kaufen kann.
Für 2011 erwartet niemand mehr die gewohnten operativen Gewinne (25% im Schnitt der letzten zehn Jahre). Eher werden daher Mitarbeiter abgebaut, Werke an Subunternehmer verkauft, Diversifizierungsschritte gesetzt. Oder man unternimmt Vorstöße in neue Behandlungsfelder, die bisher der Konkurrenz überlassen blieben. Diese Maßnahmen verhelfen der Branche mittelfristig zu einem Wachstumskurs.
Obwohl die Produktion zunehmend ins Ausland abwandert und der öffentliche Spardruck sich auch auf die Arzneimittel auswirkt, ist der Ausblick für Österreich positiv: Einerseits wird für die Wirtschaft ein moderates Wachstum vorausgesagt und andererseits profitiert die Pharmaindustrie von der stetig alternden Bevölkerung.
Autozulieferindustrie: Ein Gewinner der Krise

Die Autozulieferer haben es gut – ihre spezifische technologische Kompetenz, ihr globaler Absatzmarkt und ihre Bereitschaft, die Produktionsprozesse in der Krise drastisch zu optimieren, machen sich bezahlt: Sie gehen als Gewinner aus der Krise hervor. Ihre Rentabilität stieg auf ein Niveau, das sie in den letzten zehn Jahren nur selten erreicht hatten. Diese positive Entwicklung setzte sich zumindest bei den weltweit tätigen Anbietern auch im 1. Halbjahr 2011 fort. Allerdings befindet sich der Markt nach dem China-Boom von 2009 und 2010 in einer Phase der Stabilisierung. Komponentenhersteller müssen nun anderswo nach Wachstum suchen – in Indien, in Russland, aber auch in Nord- und Südamerika.
Strengere Umweltanforderungen wie etwa die vorgeschriebene Senkung der CO2-Emissionen und immer höhere Ölpreise schaffen neue Herausforderungen: Geringeres Fahrzeuggewicht, weniger Hubraum und Reifenwiderstand, neue Micro-Hybrid-Technologien sowie vollelektrische und alternative Antriebssysteme. Ohne die Komponentenhersteller werden sich technologische Fortschritte kaum erzielen lassen.
Nachdem die Branche während der letzten Krise bewiesen hat, wie anpassungsfähig und flexibel sie ist, können die Zulieferer in Österreich zuversichtlich in die Zukunft sehen. Der heimische Automarkt läuft gut und die Neuzulassungen nehmen kräftig zu. Die heimischen Zulieferer profitieren auch vom „Autoboom“ in Deutschland und Asien und überlegen bereits, ihre Kapazitäten für das kommende Jahr auszubauen.
Informations- und Kommunikationstechnologien: mit Innovationsperspektive

Der Weltmarkt für Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) hatte 2010 ein Volumen von 2.950 Mrd. US-Dollar, ein Anstieg von 1,7% gegenüber dem Vorjahr. Ein Teil des Anstieges ist auf den Nachholbedarf bei Ausrüstungen zurückzuführen.
Die globale IKT-Branche wird sich 2011 weiter erholen und ihren Umsatz voraussichtlich um 3,5%, in manchen Märkten vielleicht sogar um das Doppelte, steigern können. Das Wachstum wird neuerlich in erster Linie den Schwellenländern zu verdanken sein, aber auch neue Faktoren werden einen Beitrag leisten – so etwa die Implementierung der LTE-Technologie in den Mobiltelefonnetzen, um auf den zunehmenden Datenverkehr zu reagieren. Das Dienstleistungsgeschäft wird wie schon bisher von der strategischen Auslagerung dieser Aktivitäten profitieren, und erstmals sollte auch der Beitrag des „Cloud Computings“ spürbar werden.
In Österreich werden die Unternehmen 2011 weiterhin mit strukturellen Schwächen zu kämpfen haben. Außerdem sind massive Investitionen notwendig, um in dieser schnelllebigen Branche mithalten zu können und Trends nicht zu verschlafen. Im Hinblick auf die IT Budgets der Unternehmen gibt es gute Neuigkeiten: Dieses Jahr erreichen die IT Ausgaben der Unternehmen wieder Vorkrisenniveau. Insgesamt rechnet man bei PRISMA mit einer Seitwärtsbewegung der Branche.
Chemie: Im Gleichschritt mit dem Welthandel

Der Umsatz der weltweiten Chemieindustrie erholte sich 2010 nach der Krise nun wieder deutlich auf schätzungsweise 2.100 Mrd. Euro (ohne Pharmaprodukte). Die weltweite Chemieproduktion stieg zwischen 2009 und 2010 dem Volumen nach um 9,3%, was vor allem auf die Zunahme in Asien (+13%) und in der Eurozone (+10%) zurückzuführen war. Antriebsfaktoren waren eine massive Lageraufstockung und eine dramatische Erhöhung der Nachfrage in den wichtigsten Märkten der Branche, in erster Linie der Elektronik- und der Automobilindustrie.
Trotz allem hat die europäische Chemieproduktion noch nicht ihr Vorkrisenniveau erreicht, was bei den aktuellen Wachstumsraten erst 2012 der Fall sein wird. Der Verband der Europäischen Chemischen Industrie (CEFIC) hat seine Wachstumsprognose für die europäische Chemieindustrie (Produktionsvolumen) von ursprünglich 3% auf 4,5% nach oben korrigiert, womit sich auch unsere Vorhersage für das weltweite Wachstum auf 7% erhöht. In Österreich zeigt die Entwicklung für 2011 ebenso leicht nach oben.
Bauwirtschaft: Fragiles, uneinheitliches Wachstum

Umsatz seit zehn Jahren konstant um durchschnittlich um 3% p.a. Während sich die Bauwirtschaft in vielen Ländern nun zu erholen scheint, blieb die Belebung in den etablierten Industrienationen bisher bescheiden. In den USA kämpft der Bausektor nach wie vor mit rund drei Millionen unverkauften Eigenheimen, in Spanien sind es 650.000.
Die Bauwirtschaft wird weltweit auch 2011 ein Umsatzplus von 2,5% erzielen. Das stärkste Wachstum werden die Entwicklungsländer verzeichnen und auch die derzeit führenden Märkte in Osteuropa wie beispielsweise Polen. Expansionskandidaten sind zusätzlich Türkei und Japan (Wiederaufbau). In den meisten reichen Ländern und so auch in Österreich wird das Problem darin bestehen, mit dem Auslaufen der bisherigen Förderungsmaßnahmen zurechtzukommen und die Sparpläne zum Abbau der Staatsschulden zu überleben.
Die österreichische Bauindustrie zeigt bereits seit Mitte 2010 Schwächen, wobei der Tiefbau noch schwieriger zu sehen ist, als der Hochbau, denn die verhaltenen öffentlichen Investitionen bremsen vor allem den Straßenbau. Es sind dringend Investitionen in Infrastrukturprojekte gefordert. Bei PRISMA geht man davon aus, dass sich die Bauwirtschaft frühestens ab 2012 erholen kann.
Luftverkehr: Nach wie vor unter Druck

Nach Angaben der IATA, der International Air Transport Association, erzielte die weltweite Luftfahrt 2010 einen Umsatz von 554 Mrd. US-Dollar. Damit hat sie ihre krisenbedingten Verluste beinahe wettgemacht. Die Gewinne der Branche beliefen sich auf insgesamt 18 Mrd. US-Dollar, das beste Ergebnis seit zehn Jahren. Die Unternehmen in der Asien-Pazifik-Region schnitten am besten ab.
In ihren Bemühungen, die verbesserte Ertragslage zu konsolidieren, scheinen die Fluglinien nun neue Maßnahmen ins Auge zu fassen: Sie planen etwa eine Senkung der Vertriebskosten oder die Wiederherstellung direkter Beziehungen zu den Kunden sowie den Reisebüros, um eine Reihe zusätzlicher Leistungen anzubieten. Diese generieren übrigens beachtliche zusätzliche Einnahmen (laut Amadeus IT Group 22 Mrd. US-Dollar im Jahr 2010 für die gesamte Branche). Die Fluglinien überlegen auch, ihre Flotten durch den Kauf neuer Flugzeuge mit geringerem Treibstoffverbrauch (die Turbinenhersteller versprechen Kerosineinsparungen im zweistelligen Prozentbereich) und durch die Ausmusterung älterer Maschinen zu optimieren.
Die großen Player in Österreich kämpfen mit hohen Kerosinpreisen und ausländischer Konkurrenz von Billigfluglinien. Zudem steht die Branche auch hierzulande unter großem Kostendruck. Viele Stornierungen mussten aufgrund unvorhergesehener Ereignisse verkraftet werden (Japan-Katastrophe, arabischer Frühling und Vulkanaktivität). Bei PRISMA rechnet man mit einer Abwärtsbewegung der Branche.
Legende:

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- Mag. Melitta Schabauer, Pressesprecherin der PRISMA Kreditversicherungs-AG
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