In Summe stieg die Weltindustrieproduktion von Mitte 2008 bis Ende 2010 um ca. 4% an. Der statistische Durchschnitt ist aber oft ein untaugliches Mittel: Regional betrachtet sieht die Sache nämlich anders aus. Die Musik spielt immer mehr in jungen Industrienationen außerhalb der OECD. Sie verzeichnen ein Plus von 16%. Gleichzeitig fallen die OECD Staaten 7% unter ihren Höchststand vom Sommer 2008 zurück.
„Diese Kluft wird sich wahrscheinlich erweitern. China, Brasilien, Indien, Russland und Südafrika sind auf Wachstumskurs, angetrieben von ihrem hohen Investitionsbedarf im Bereich der Infrastruktur, der Bauwirtschaft und des Transportsektors“, sagt Bettina Selden, Vorstand bei PRISMA Kreditversicherung.
Die Unternehmen in der OECD bekommen zunehmend Gegenwind. In praktisch jeder Branche sind sie mit hochprofessioneller Konkurrenz konfrontiert. China und Indien führen bereits die Informations- und Kommunikationstechnologie-Branche an. „Ich gehe davon aus, dass es nur mehr eine Frage der Zeit ist, bis sie auch in der Automobil- und der Chemieindustrie den Ton angeben“, so Selden weiter. „In diesem harten und globalen Konkurrenzumfeld muss Europa den Fokus auf die Erhaltung der Qualitäts- und Innovationsführerschaft legen. Nur so bleiben wir konkurrenzfähig.“
„Aber auch die neuen Global Player werden Herausforderungen zu meistern haben. China muss rasch eine Lösung für die Restrukturierung der Stahlindustrie finden und vielerorts haben sich in der Bauwirtschaft lokale Blasen gebildet, die den Aufschwung bremsen könnten“, so Selden.
Selden warnt gleichzeitig vor wirtschaftlichen Folgen der Japan-Krise. „Es lässt sich noch nicht abschätzen, inwieweit diese Krise die einzelnen Branchen beeinflussen wird.“ In Österreich werden jedenfalls die Autozulieferer in Mitleidenschaft gezogen. Die Lieferprobleme von Schlüsselbauteilen können jedenfalls erhebliche Produktionsrückstände und Unterbrechungen verursachen. Allen voran, werden aber die Halbleiterindustrie und die Informations- sowie Kommunikationstechnologie-Branche temporäre Anpassungsprozesse durchlaufen müssen.
Einzelne Branchen im Überblick
Lebensmittel: Eine Welt im Wandel
Für Nahrungsmittel wurden 2009 in Westeuropa schätzungsweise 1.000 Mrd. US-Dollar ausgegeben, in den USA 610 Mrd. und in China 550 Mrd. Auf weltweiter Ebene zeigen sich bereits bekannte, divergierende Trends: Zwischen 2005 und 2009 nahmen die Pro-Kopf-Ausgaben (bereinigt um Wechselkursänderungen) in Indien um 61% zu, in Brasilien um 59% und in China um 55%, während sie in den USA um nur 13% stiegen. Auch wenn dabei unterschiedliche Inflationsraten eine Rolle spielen mögen, spiegelt sich in diesen Zahlen die Entwicklung des Konsums der Mittelschichten in Entwicklungsländern, die zunehmend zu verarbeiteten Lebensmitteln wechseln.
2011 könnten mit der aktuellen Situation in Japan, insbesondere die weltweiten Fischpreise ansteigen. Davon abgesehen wird die Branche dieses Jahr stark auf Wachstumschancen in Entwicklungsländern und eine höhere Wertschöpfung durch Innovationen bauen. Auch für Österreich kann PRISMA einen positiven Ausblick geben, allerdings muss man beobachten, wie sich die Rohstoffpreise weiterhin entwickeln werden. Langfristig werden sie sich jedenfalls nach oben bewegen.
Pharmazie: Wachsende strukturelle Nachfrage
Der weltweite Pharmamarkt, 2010 auf knapp 840 Mrd. US-Dollar geschätzt, hat Zukunftsperspektiven, um die ihn andere Branchen durchaus beneiden könnten. Er profitiert von einer wachsenden strukturellen Nachfrage dank der zunehmenden Lebenserwartung der Weltbevölkerung und der Vermarktung von Behandlungen früher unheilbarer Erkrankungen. Die Pharmaunternehmen leben vor allem von den Märkten der Industrieländer, die etwa ein Viertel der Weltbevölkerung repräsentieren. Zweifellos wird der Zugang zu Medikamenten auch für die Bevölkerung in den Entwicklungsländern einmal selbstverständlich sein, aber erst in weiterer Zukunft.
Dafür ist die Branche mit anderen Problemen konfrontiert: Preiskämpfe in den Traditionsmärkten, Regierungen, die ihre Gesundheitssysteme nicht in den Griff bekommen und lahmende Innovationsfortschritte. Dazu kommt noch, dass die Regulierungsbehörden jedes Jahr die Kriterien für die Zulassung neuer Arzneimittel verschärfen. Das Hauptproblem liegt aber im Auslaufen zahlreicher Patente innerhalb der nächsten 2 Jahre und dem damit höheren Angebot an Generika, die im Schnitt zum halben Preis zu haben sind. Deshalb muss die Branche ihren F&E Bereichen zu mehr Innovationskraft verhelfen. In Österreich konzentriert man sich ebenso zunehmend auf F&E, da die Produktion nach und nach ins Ausland abwandert. Obwohl auch hierzulande der Preisdruck hoch ist, können die PRISMA-Experten einen positiven Ausblick für 2011 geben.
Autozulieferindustrie: Wieder schwarze Zahlen
Komponentenhersteller sind der wichtigste Teil der Wertschöpfungskette im Automobilsektor. Sie produzieren 75% der Bestandteile eines Fahrzeugs und sind für 50% der F&E-Ausgaben der gesamten Branche verantwortlich. Nach dem Einbruch der Produktion Ende 2008 und Anfang 2009 unterzogen Komponentenhersteller ihre Produktion einer tiefgreifenden Restrukturierung und konnten ihre Rentabilität besonders im 1. Halbjahr 2010 wieder steigern.
Der Weltmarkt wird dieses Jahr um 3% bis 4% expandieren. Komponentenhersteller können daher sowohl im Hinblick auf Absatzvolumina als auch in punkto Rentabilität mit guten Aussichten rechnen. Weltweit und auch in Österreich könnten einige Hersteller durch die Japan-Krise einen Dämpfer abbekommen. Durch Lieferengpässe kann es sein, dass Produktionen zurückgefahren werden müssen. Die Branche hat aber während der letzten Krise bewiesen, wie anpassungsfähig und flexibel sie ist.
Chemie: Vorsichtiger Aufschwung
Die weltweite Chemieindustrie, die 2010 einen Umsatz von schätzungsweise 2.000 Mrd. US-Dollar erwirtschaftete (ohne Pharmaprodukte), erholte sich rasch von den schwierigen Bedingungen der beiden vorhergehenden Jahre. Wobei es in den asiatischen Märkten schneller ging, als in den reichen Ländern. Europa fiel mit einem Anteil von 24% an der Weltchemieproduktion erst jüngst auf Platz 2 der Regionen-Rangordnung, noch vor Nordamerika (21%), aber hinter Asien (45%), wobei auf China allein 22% entfallen. Der Aufschwung, der sich Ende 2009 in Asien abgezeichnet hatte, erfasste zwar 2010 nach und nach auch alle Industrieländer, änderte aber nichts an der zunehmenden Kluft zwischen dem Wachstum in den Entwicklungsländern und jenem in den reichen Ländern. Europa verzeichnete in den ersten zehn Monaten 2010 gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahrs ein Absatzplus von 11%. Zu verdanken war es Konjunkturmaßnahmen, aber auch ihrem hohen Exportanteil, insbesondere im Fall Deutschland. Trotz der jüngsten positiven Entwicklungen liegt die europäische Chemieproduktion weiterhin um fast 6% unter dem Niveau von 2007.
Mit der fieberhaften Nachfrage aus Asien steigt das Risiko allgemeiner Preissteigerungen bei den Basis- und Vorprodukten, in erster Linie bei Rohöl. Tatsächlich hat diese Entwicklung bereits zu einer signifikanten Reduktion der Margen geführt, da die Preissteigerungen nicht zur Gänze an die Abnehmer weitergegeben werden können. Ein unerwartetes einbremsen des neuen zyklischen Aufschwungs ist für 2011 also nicht auszuschließen.
In Österreich zeigt die Entwicklung für 2011 ebenso leicht nach oben.
Stahl: Stabilisierung, aber EU bleibt unter Vorkrisenniveau
In der zweiten Jahreshälfte 2010 erreichte die Weltstahlproduktion wieder das Vorkrisenniveau von knapp 1.400 Mrd. Tonnen pro Jahr – allerdings nicht in den „alten“ Industrieländern. Sie haben die Produktionsmengen von 2007 noch nicht wieder erreicht. Bis inklusive November 2010 lag die Jahresproduktion sowohl in der EU als auch in den USA noch um 19% unter dem Wert der Vergleichsperiode von 2008. Dagegen stieg die chinesische Stahlproduktion im selben Zeitraum um 19%. Aber wo Licht ist, ist bekanntlich auch Schatten – und das besonders in China: Die Wettbewerbsfähigkeit der Stahlindustrie ist sehr stark auf diverse staatliche Fördermaßnahmen zurückzuführen und nicht auf die eigentliche Leistungsfähigkeit der Hersteller. Die jetzigen Strukturen werden die zukünftige Entwicklung hemmen. Deshalb sehen die Experten dringenden Restrukturierungsbedarf. 2011 wird sich die Branche in den USA zunehmend erholen, könnte aber in der EU noch immer unter dem Vorkrisenniveau bleiben. Österreich ist nach wie vor ein wichtiger Spezialhersteller in der Stahlbranche. Aufgrund steigender Rohstoffpreise und Transportkosten kann man 2011 von keinem Aufwärtstrend sprechen. Die Produktion wird aber weiterhin auf hohem Niveau bleiben.
Halbleiter: Sanfte Landung
Im Jahr 2010 erreichte die Branche wieder ihre langfristige Kapazitätsauslastungsrate von etwa 90%. Mit der Erholung der Nachfrage expandierte das Marktvolumen 2010 um 25% auf etwas mehr als 300 Mrd. US-Dollar. Dieses an sich beeindruckende Wachstum entsprach jedoch lediglich dem Ausmaß der vorhergehenden Kontraktion, und die Wachstumsraten gingen im 2. Halbjahr 2010 allmählich wieder zurück. Der Aufschwung bestätigte allerdings auch die Vorherrschaft der Hersteller in Asien, die nun 54% der Halbleiterproduktion stellen.
2011 wird der Halbleitermarkt voraussichtlich um etwa 5% expandieren – eine sanfte Landung. Es handelt sich um eine für die Branche typische Entwicklung, die ihre Abhängigkeit von der Weltwirtschaftskonjunktur bestätigt. Die Krisensituation in Japan könnte aber – zumindest kurzfristig – Auswirkungen auf die gesamte Branche zeigen. Denn die Produktion von Schlüsselprodukten ist im Halbleiterbereich verstärkt in Japan angesiedelt. Insbesondere können die Ausfallzeiten durch Stromrationierungen vehementen Einfluss nehmen. Abgesehen von kurzfristigen Preisschwankungen oder Lieferengpässen sieht man für Österreich aber keine großen Veränderungen, da die Produktion hierzulande ohnehin schon auf niedrigem Niveau ist.
Bauwirtschaft: Echte Erholung lässt noch auf sich warten
Der Umsatz der weltweiten Bauwirtschaft lag 2010 bei 7.300 Mrd. US-Dollar, ein Rückgang von 2% gegenüber 2009, dem schlechtesten Jahr der Branche im letzten Jahrzehnt mit einem Umsatzeinbruch von 6%, denn seit Anfang des Jahrhunderts expandierte der Markt um durchschnittlich 3% pro Jahr. In den reichen Ländern kommt die Branche unter Druck. Das Problem wird darin bestehen, das fortschreitende Auslaufen der Stützungsmaßnahmen für den Sektor zu überstehen.
Dennoch wird die Bauwirtschaft 2011 weltweit ein Umsatzplus von 1% erzielen können. Dieses Wachstum wird auf der starken Dynamik der Entwicklungsländer, in welchen ein enormer Bedarf an Wohnungen und Infrastruktur besteht, basieren.
Für die österreichische Bauindustrie zeigen die Pfeile ebenfalls nach unten, wobei der Tiefbau noch schwieriger zu sehen ist, als der Hochbau, denn die verhaltenen öffentlichen Investitionen bremsen vor allem den Straßenbau. Bei PRISMA geht man davon aus, dass sich die Bauwirtschaft frühestens 2012 erholen wird.
Luftverkehr: Kerosinpreise und stagnierende Umsätze belasten die Branche

Nach Angaben der International Air Transport Association (IATA) stieg der Umsatz der weltweiten Luftverkehrsbranche 2010 um 17% auf 565 Mrd. US-Dollar. Mit Nettogewinnen von zusammen knapp 15 Mrd. US-Dollar (2,7% vom Umsatz, eine relativ geringe Marge) verzeichnete die Luftverkehrsbranche 2010 ihr bestes Ergebnis des Jahrzehnts. Dafür waren neben dem verbesserten wirtschaftlichen Umfeld auch das von der Lageraufstockung profitierende Frachtgeschäft verantwortlich. Die europäischen Fluglinien, gefangen in einem Marktumfeld ohne nennenswerte Dynamik, sind mit einer Krise ihres Marktmodells konfrontiert und müssen sich gegen heftige und zunehmende Konkurrenz zur Wehr setzen. Eine langsamere Zunahme des weltweiten Flugverkehrs (+5,3%), stagnierende Umsätze pro Einheit und insbesondere der Anstieg der Kerosinpreise werden 2011 die Ergebnisse der Branche belasten. Dasselbe Bild zeigt sich auch in Österreich.
Informations- und Kommunikationstechnologien: Volle Auftragsbücher

Der Weltmarkt für Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) hatte 2010 ein Volumen von 2.950 Mrd. US-Dollar, ein Anstieg von 1,7% gegenüber dem Vorjahr, der das Minus von 2009 kompensierte. Die Branche konnte zwar die Krise letztlich nicht ganz schadlos überstehen, war aber im Vergleich zu anderen Branchen nur in geringem Ausmaß betroffen. Allerdings sind die Entwicklungen in verschiedenen Weltregionen und Marktsegmenten nicht einheitlich: In den Entwicklungsländern setzte sich das deutliche Wachstum fort, wobei die Dienstleistungen insbesondere im Telekomgeschäft weiter eine Schlüsselrolle spielten. Dagegen wurden aber Investitionen in neue Ausrüstungen aufgeschoben, was ihren Anteil an den Umsätzen der Branche verringert hat. Die Investitionen, die bisher unter Inkaufnahme höherer Wartungskosten der Ausrüstungen aufgeschoben wurden, nehmen nun allmählich wieder zu. Zudem wird es 2011 viele weitere Wachstumstreiber geben: Smartphones, Tablet-PCs, Cloud-Computing. Vor diesem Hintergrund werden die Umsätze der IKT-Branche 2011 weiter steigen - voraussichtlich um 3% auf mehr als 3.000 Mrd. US-Dollar. Dieses Wachstum ist auf Innovationen, aber auch auf die erforderliche Erneuerung der Netzinfrastruktur zurückzuführen. Durch die Japan-Katastrophen lässt sich aber noch nicht abschätzen, inwieweit diese Prognosen halten werden. Obwohl die meisten Hersteller mit ihren Produktionsstätten vom Erdbeben verschont blieben, sind die Preise in der Branche bereits gestiegen. Bei PRISMA geht man davon aus, dass die Nachfrage ungebremst sein wird und sich die Branche langfristig wieder erholt beziehungsweise volatil wachsen kann. In Österreich werden die Unternehmen 2011 weiterhin mit strukturellen Schwächen zu kämpfen haben.
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Mag. Melitta Schabauer, Pressesprecherin der PRISMA Kreditversicherungs-AG
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