Wien (b. l.). Die Zahl der Unternehmenspleiten wird heuer in den meisten europäischen Ländern weiter ansteigen. Das besagt die Prognose der Prisma Kreditversicherung. Das stärkste Plus soll es in Griechenland mit 25 Prozent auf 813 erfasste Fälle geben. Die meisten Firmen, die dort zahlungsunfähig werden, sperren allerdings einfach zu und werden gar nicht erfasst. In Italien - ein wichtiger Handelspartner Österreichs - werden heuer 10.994 Betriebe den Kampf ums Überleben verlieren. Das bedeutet einen Anstieg um 14 Prozent. Die absoluten Zahlen sind schwer zu vergleichen, da vor allem in Süd- und Osteuropa viele kleine Pleiten nicht erfasst werden.
Für Österreich prognostiziert Prisma einen Anstieg um fünf Prozent auf 7247 Fälle. Diese Vorhersage unterscheidet sich von der des Kreditschutzverbands von 1870 (KSV), der ein Minus erwartet. Im ersten Halbjahr war die Zahl der Insolvenzen rückläufig. Das zweite Halbjahr sei jedoch meist schwieriger als das erste, meint Prisma-Vorstand Ludwig Mertes. Das Plus von fünf Prozent sei aber ein Worst-Case-Szenario.
Rückgänge soll es außerhalb Europas - in den USA, China und Japan - geben. "Die USA sind als erstes Land in die Krise gekommen, sie sind jetzt auch das erste, das wieder herauskommt", glaubt Mertes. In Deutschland soll es noch ein kleines Plus von einem Prozent auf 33.014 Fälle geben.
Nächstes Jahr soll sich die Lage bessern. Für Österreich erwartet man ein Minus von zwei, für Deutschland von fünf Prozent. An einen neuen Konjunktureinbruch (Double-Dip) glaubt Mertes nicht. Die Erholung sei aber äußerst zerbrechlich. Sollte es einen externen Schock geben, etwa einen Krieg, könnte das die positive Prognose für 2011 wieder zunichtemachen.
765 Privatpleiten pro Monat
Indes gibt es neue Erhebungen des KSV zu den 4588 Privatinsolvenzen in Österreich im ersten Halbjahr. Bei diesen handelt es sich zu einem Viertel um ehemalige Selbstständige, die im Schnitt 121.000 Euro Schulden haben. "Echte" Private haben Außenstände von 55.000 Euro.
Zwei Drittel der Betroffenen sind Männer, 60 Prozent sind im Alter zwischen 30 und 50 Jahren. "Das ist jene Zeit, in der Familien gegründet, Wohnraum beschafft und Autos gekauft werden", sagt KSV-Experte Hans-Georg Kantner.
Immerhin 85 Prozent halten sich an die Zahlungsvereinbarungen mit ihren Gläubigern und schaffen in sieben Jahren die Rückzahlungsquote (meist zehn Prozent). In Deutschland, wo es keine verpflichtende Rückzahlungsquote gibt (man wird lediglich sechs Jahre lang bis aufs Existenzminimum gepfändet), beträgt dieser Anteil zehn bis 15 Prozent.
"Die Presse" vom 22.07.2010