Studie: Wirtschaftliche Folgen des italienischen "Nein"

Investitionen stagnieren und die Verbesserung von Italiens Wettbewerbsfähigkeit rückt laut PRISMA Die Kreditversicherung ein weiteres Stück in die Ferne.

Wien, 21. Dezember 2016 – Die Ablehnung der Italiener verringert das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts um rund 0,3 Prozentpunkte. Weitere Auswirkungen auf Banken oder den Anleihenmarkt werden nicht erwartet. Analysiert hat die wirtschaftlichen Folgen des italienischen „Nein“ zum Verfassungsreferendum Euler Hermes, der Mutterkonzern von PRISMA Die Kreditversicherung. Aktuell wurde die Studie „Italy: The show must go on“ vom weltweit führenden Kreditversicherer veröffentlicht.

Politische Unsicherheit verringert Wirtschaftswachstum

„Das ‚Nein‘ zum Referendum in Italien ist kein Grund zur akuten Panik“, sagt Janos Kis, Bereichsleiter für Kreditmanagement bei PRISMA Die Kreditversicherung. „Natürlich wird es wirtschaftliche Auswirkungen geben. Sie werden zwar wesentlich geringer sein als beim Brexit, trotzdem ist eine Reflexreaktion vorprogrammiert. Ein um 0,3 Prozentpunkte langsameres Wachstum bedeutet, dass die italienische Wirtschaft 2017 nur noch um 0,6 Prozent zulegt. Das ist wenig, vor allem auch im Vergleich zu anderen europäischen oder auch südeuropäischen Staaten.“

Wettbewerbsfähigkeit italienischer Unternehmer weiter gebremst

Durch das verlangsamte Wirtschaftswachstum würden Unternehmen vor Ort noch weiter ausgebremst. Laut Kis sei eine positive Entwicklung für italienische Unternehmen, deren österreichischen Handelspartner oder die italienische Wirtschaft nicht in Sicht. „Letztere ist neben Bankenkrise sowieso schon durch eine seit Jahren anhaltende Wachstumsschwäche, Überschuldung, geringe Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit, hohe Personalkosten und hohe Arbeitslosigkeit gebeutelt. Jetzt kommt also auch noch politische Instabilität hinzu, die zu einer kleineren Vertrauenskrise führen wird. Italienische Unternehmen sind wirtschaftlich die Leidtragenden dieser – wenn auch voraussichtlich milden – Krise“, so Kis.

Geringe Kapitalabflüsse aus dem Ausland und schwierigere Finanzierungsbedingungen dürften die wirtschaftlichen Folgen der Vertrauenskrise sein. Das bedeutet, Investitionen stagnieren insgesamt – statt wie bisher angenommen um 2 Prozent in 2017 zu wachsen.

„Die geringe Profitabilität und hohe Lohnkosten verringern die Wettbewerbsfähigkeit italienischer Unternehmen, vor allem im internationalen Vergleich“, sagt Kis. „Sie sind dabei weit hinter Spanien oder auch Irland zurückgefallen, ganz zu schweigen von Deutschland. Es wären dringend Reformen notwendig und Investitionen in Forschung und Entwicklung. Investitionen hängen jedoch wie überall am Vertrauen – sowohl in die Politik als auch in den Bankensektor. In Zeiten der politischen Instabilität ist Vertrauen Mangelware und Reformen sind in weiter Ferne. Das homöopathische Wirtschaftswachstum dürfte also zunächst gekommen sein, um zu bleiben.“

Politische Folgen von Brexit- und Italien-Referendum offen

Nachdem knapp 60 Prozent gegen die Verfassungsänderung votierten, trat Premierminister Matteo Renzi zurück. „Die Situation bedeutet weitere politische Unsicherheit innerhalb Europas“, erklärt Kis. „Auf den Brexit folgt nun Italien – und wer weiß, wie die Wahlen in Frankreich, Deutschland oder den Niederlanden ausgehen? 2017 hält sicher noch einige Überraschungen bereit.“

Auswirkungen von Italiens Entscheidung überschaubar

In der Finanzkrise 2011 fiel Italien fast auf ein Nullwachstum zurück. „Sollte es – was wir derzeit nicht erwarten – doch zu Nebenwirkungen auf Banken und Anleihenmarkt kommen, dürfte ein nahes Nullwachstum auch jetzt wieder die Folge sein“, meint Kis. „Wahrscheinlich ist es derzeit aber nicht. Die lockere Geldpolitik hilft Italien. Die europäischen Institutionen haben außerdem ein wesentlich klareres Regelwerk zur Rettung von Banken ohne Staatsbeteiligung, zum Beispiel durch Bankenunion und die sogenannten ‚Bail-in‘ Regeln.“

Zudem profitiert Italien heute bei allen strukturellen Schwächen zumindest von einem Handelsbilanzüberschuss, der auch im Falle von höheren Zinsausgaben noch etwas Handlungsspielraum lässt. Durch das sogenannte "debt ring fencing" dürfte die Ansteckungsgefahr für Europa überschaubar bleiben: 65 Prozent der italienischen Schulden werden von Italienern gehalten.

Bankensektor weiter anfällig

„Italienische Banken leiden unter dem jahrelangen Mini-Wachstum der Wirtschaft“, erklärt Kis. „Insbesondere die notleidenden und faulen Kredite machen den dortigen Instituten zu schaffen.“ Die notleidenden Kredite werden auf rund 360 Milliarden Euro geschätzt. Das ist mehr als die jährlichen Ausgaben des Bundeshaushalts. Fast 200 Milliarden Euro davon sind sogenannte "sofferenze", also faule Kredite, die bereits abgeschrieben sind. Die Banken gehen demnach davon aus, dass sie endgültig verloren sind. Das entspricht fast 12 Prozent des italienischen BIP. Hinzu kommt die geringe Profitabilität und zu geringe Kapitalisierung der Banken, insbesondere bei den kleinen und mittelgroßen Banken.


Hier finden Sie die vollständige Studie "Italy: The show must go on" (Englisch).


21. Dezember 2016

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